Tag 3 – Balmaha bis Inversnaid

Im Rückblick würde ich diesen Tag den Tag des Jammerns nennen. Ich hatte am Abend kleine Hubbel an meinen Füßen entdeckt. Laut Ferndiagnose waren meine Sehnen wegen Überanstrengung angeschwollen. Wie schön, wenn solche Dinge direkt zu Beginn zum Vorschein kommen. Da weiß man, was man noch die nächsten fünf Tage mit sich herumschleppen und noch schlimmer machen kann.

Dabei sollte heute ein perfekter Tag werden – Sonne im Überfluss. Ich gönnte mir auf Befehl der Eltern also eine Packung Ibuprofen für 65p. Dann konnte es losgehen. Die ersten Meter, die mich aus Balmaha wegführten, verliefen durch ein Waldstück direkt einmal ziemlich steil nach oben zu einem weiteren Aussichtspunkt über Loch Lomond. Danach ging es das ganze wieder bergab und ich durfte lange direkt an Strand und Ufer vorbei laufen. Hier ließ ich es mir natürlich auch nicht nehmen, eine Pause am Wasser zu machen.

Ufernahes Wandern das stellt man sich einfach, flach und entspannt vor. Leider war es das überhaupt nicht. Andauernd wechselten Anstieg und Abstieg. Dabei war die Wegbeschaffenheit auch nicht gerade unanspruchsvoll. Permanent musste ich aufpassen, wo ich hintrat, mal über Steine klettern oder Hölzern aus dem Weg gehen. Für eine halbe Stunde – kein Problem – es sollte aber den ganzen Tag so weitergehen.

Als ich nach einem weiteren Waldstück dann in Rowardennan ankam, war ich bereits dezent kaputt. Meine Uhr sagte aber, dass ich erst zwölf Kilometer hinter mir hatte. Das war nicht mal die Hälfte meines Tagesziels.

Daher versuchte ich mich mit einer Mittagspause am Loch Lomond wieder fit zu kriegen. Ich zog meine Wanderschuhe aus und das fühlte sich sehr gut an. Ich hatte die Treter wegen meiner Blessuren extra ein bisschen lockerer gestellt, aber irgendwie taten meine Füße nun auch an anderen Stellen weh.

Nach der Pause fühlten sich meine Beine jedoch wieder einigermaßen bereit für den zweiten Teil meiner Etappe, wohingegen mein Hirn scheinbar noch am Ufer lag. In meiner Wegbeschreibung war eindeutig zu lesen, dass ich den ersten Teil der Bergbesteigung von Ben Lomond mitmachen sollte, bevor ich dann an einem Youth Hostel abbiegen sollte. Ganz sicher, ich hatte diese Information ja schließlich extra nochmal nachgeschaut und geprüft. Nachdem ich eine halbe Stunde unterwegs war und mich über die schlechte Beschilderung schimpfend weiter nach oben hievte, wurde ich dann doch misstrauisch. Irgendwas war hier falsch. In meinen Unterlagen war es doch eindeutig zu lesen gewesen…Danke nein. Ich sollte an dem Haupt-Aufgang von Ben Lomond vorbei gehen. Vorbei. So etwas wäre mir mit meiner navigationstalentierten Schwester selbstverständlich nicht passiert. Ihr Kommentar „Du Nuss“. Anna hätte die Karte ab dem ersten Tag an sich gerissen und ich sie vielleicht mit Glück mal berühren dürfen. Aber ich war ja ich und alleine unterwegs. Da ist man Umwege gewohnt.

Endlich auf dem richtigen Weg war ich voller Euphorie für den nächsten Teil der Strecke. Ich würde heute fast den gesamten Loch hochwandern. Leider wurden die Wege bei weitem nicht einfacher. Direkt am Abhang zum Wasser verlief der Weg immer wieder auf und ab, auf und ab, auf und ab. Ich konnte gar nicht mehr zählen wie oft ich hoch und wieder herunter musste. Irgendwann traute ich mich nicht mehr Pausen zu machen, weil ich Angst hatte, dass das Aufstehen unfassbar grausam wird. Meine Fußober- und -Unterseiten brannten. Über drei Kilometer sollte sich an dem Weg nichts ändern. Ich sehnte mir das angekündigte Waldstück herbei.

Endlich erreichte ich Craigrostan Woods. Hier findet man noch die einheimische Eiche, die dort Jahrzehnte überlebt hat, weil ihre Rinde und ihr Holz für die Gerbung von Leder benötigt wurde. Außerdem rettete das steile und steinige Gebiet die Bäume vor Holzfäll-Aktionen.

Nach insgesamt neun Stunden erreichte ich den Wasserfall „Snaid Burn“ und wusste nun war es nicht mehr weit bis zu meiner Unterkunft. Das ich weitere 20 Minuten eine steile Straße nach oben gehen musste, machte mir dann auch nichts mehr. Mir tat ja eh schon alles weh. Ich war so unfassbar froh, als ich das Inversnaid Bunkhouse erreichte. Ich bekam ein Vierer-Zimmer, das ich mir mit einer 40-Jährigen Spanierin und zwei noch älteren Schotten teilte. Laura und ich waren uns ab der ersten Sekunde an sympathisch. Sie begrüßte mich mit zwei typisch spanischen Küsschen und ich fragte, ob wir heute zusammen essen würden. Sie war so unglaublich herzlich, wir kannten uns weniger als fünf Minuten und schwups musste sie mir unbedingt ein Bier ausgeben. Wir setzten uns vor die zur Schlafunterkunft inklusive Restaurant umgebaute und restaurierte Kirche und gleich gesellten sich noch weitere Wanderer zu uns. Kyle, ein Typ aus Manchester, der als Laura sagte, sie könne nur sehr wenig Englisch lachend bemerkte, dass sie sich keine Sorgen machen müsste, da er hier in Schottland ja auch kein Englisch könnte. Dazu kamen noch drei Deutsche, die ich sofort an ihrem wundervollen Akzent erkannte. Ich outete mich erst einmal nicht. Deutsche benehmen sich leider so oft daneben im Ausland, da bleibe ich, solange mich niemand fragt, lieber undercover. Scheinbar schienen eh alle davon auszugehen, dass ich zumindest aus Groß-Britannien kam, was mich natürlich ziemlich stolz machte. Als dann aber alle Andersprachigen kurz Getränke holen waren, nahm ich mir ein Herz und fragte dann auf Deutsch woher sie genau kamen. Da wurden die Augen riesig und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis geantwortet wurde. „Ach du bist Deutsche, ja da hatte ich jetzt nicht mit gerechnet“. Zu ihrer Verteidigung, sie waren tatsächlich ganz nette Deutsche.

Zurück bei Laura beichtete ich ihr, dass ich mal drei Jahre Spanisch in der Schule gelernt hatte. Sie war überglücklich, als sie und ich bemerkten, dass ich tatsächlich fast alles verstand. Ich konnte zwar nur auf Englisch antworten, aber so war eine deutlich bessere Konversation möglich. Sie erzählte mir von ihren Schottland-Erlebnissen, von ihrer Familie und wie so das Leben im Baskenland ist.

Fazit des Tages: Furchtbare Schmerzen, die ab der ersten Sekunde in der ich die Unterkunft betrat wie weggeblasen waren.

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