Tag 4 – Inversnaid bis Crianlarich

Am heutigen Tag habe ich ungefähr 100 Mal mehr Tiere gesehen als Menschen. Außerdem hat sich meine geliebte Angewohnheit, laut zu denken nicht nur vervielfacht, mittlerweile ertappe ich mich auch wieder dabei diese Selbstgespräche auf Englisch zu führen. Also mein Kopf ist scheinbar langsam hinüber, dafür taten es meine Füße heute wieder wunderbar. Es ist mir selbst ein Rätsel wie man am Vortag eigentlich keinen Zentimeter mehr gehen kann, weil alles brennt und schmerzt und dann am nächsten Tag plötzlich sechseinhalb Stunden am Stück laufen kann. Die einzigen Erklärungen, die für mich in Frage kommen würden, wären, dass ich mich entweder schon so sehr an den Schmerz gewöhnt habe oder dass mich die Nässe von allem abgelenkt hat.

Das erste was mir meine spanische Bekannschaft Laura an diesem Morgen zu flüsterte war, „es regnet und es ist kalt.“ Da steht man doch gerne auf. Der Wetterbericht bestätigte, was ich befürchtet hatte. Es sollte den ganzen Tag durchgehend regnen. Also machte ich Rucksack und mich regensicher und dann konnte es losgehen.

Schönerweise sollte ich heute mit dem angeblich schwierigsten Teil des gesamten Fernwanderwegs beginnen. Von Wandern konnte hier allerdings keine Rede sein, denn ich musste wirklich klettern. Die Steine waren glitschig, die Erde matschig und die Äste am Boden auch nicht rutschfest. Der Weg befand sich außerdem meist direkt am Abhang, weshalb ich dann doch lieber mal ab und zu meine Hände benutze, um mich irgendwie an den Felsen abzusichern. Die folgenden Fotos sind also keine Stapel voller Steine, die sich vor meine Kameralinse gedrängt haben, sondern das war der offizielle Weg.

Für diesen Teil der Strecke bin ich aber auch irgendwie froh, dass es wie aus Eimern gegossen hat. So hab ich mich an keiner Stelle getraut, leichtsinnig zu sein. Ich war immer vorsichtig, da ich mich bei jedem Schritt ausrutschen sah. Hier brauchte ich für fünf Kilometer sagenhafte zwei Stunden.

Den schwierigsten Teil also überwunden ging es vom Loch weg in Gebiete voller Weide und Gras. Hier kam ich nun deutlich schneller voran. Allerdings hatten mir die Bäume doch einiges an Schutz geboten. Jetzt prasselten die Tropfen nur so auf mich ein. Mir war klar, weitere Pausen würde es nur im äußersten Notfall geben. Auch wenn mein Magen schon ein bisschen knurrte, dann mussten meine Snacks eben auf dem Weg verzehrt werden.

Nun ging es erneut ordentlich hügelig zu. Immer wieder wanderte nach oben, um dann wieder im Matsch nach unten zu stapfen. Nach einem weiteren Anstieg erreichte ich ein Ehrenmal für den Organisator des West Highland Way Rennens, Dario Melaragni. Nur zum Vergleich, der schnellste Teilnehmer hat das, was ich in sieben Tagen vorhabe, in weniger als 15 Stunden und 45 Minuten geschafft. Sehr motivierend.

Da ich schon seit längerem keine Menschenseele getroffen hatte, war es doch mal wieder an der Zeit, unter Gesellschaft zu kommen. Diesen Wunsch erfüllte mir der Weg doch gerne. Ich sollte ein Gatter öffnen und mich nun über ein paar Kilometer auf einer Kuh- und Schafsweide aufhalten. Die Tiere befanden sich allerdings nicht nur auf den Wiesen, sondern auch direkt vor mir auf den Wegen. Sobald sie mich bemerkten wurde kurz hoch geschaut, gemeckert oder gemuht und dann bewegten sie sich einen Meter ins Gras. Ich hätte nichts dagegen gehabt, heute mal ein Schaf zu sein. Meine Regenjacke gab nämlich langsam auf und ich merkte, wie auch das letzte bisschen meines Körpers nass wurde und die Kälte anzog. Es half ja nichts, weiter ging es Richtung Norden.

Auf meinem letzten Abschnitt traf ich dann doch zur Abwechslung auch noch mal auf einen Menschen. Katharina aus Osnabrück hatte sich ihr Knie verdreht und musste deshalb in meinem heutigen Zielort Crianlarich ihre eigentliche Etappe bis nach Tyndrum abbrechen und mit dem Zug weiterfahren. Toi toi toi, dass mir so etwas nicht passiert. Den letzten Kilometer bis zu meiner Unterkunft waren dann auch nicht mehr schlimm. So richtig kalt war mir erst, als ich direkt vor der vollen, warmen Badewanne stand.

Fazit des Tages: Regen kann mir gar nichts.

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