Tag 5 – Crianlarich bis Inveroran

Den ersten Platz im Rennen um die größten Schmerzen macht momentan die Schulter, dicht gefolgt von den Füßen, Knöcheln, Schienbeinen, Knien – ach eigentlich dem ganzen Bein. Ja, heute muss ich mal wieder jammern. Selbst jetzt im Liegen merke ich meine Wehwehchen. Dabei war der Tag wunderschön und ich dürfte mich beim besten Willen nicht beschweren.

Ich verbrachte heute über eine Stunde beim Frühstück. Erstens, weil ich das erste Mal seit Beginn meiner Reise ein volles typisches schottisches Brekkie bekam und zweitens, weil ich einem Pärchen aus der Schweiz mindestens 30 Minuten einen Reisebericht geben musste, damit sie feststellen konnten, ob der West Highland Way auch etwas für sie wäre. Nach Porridge, Black Pudding, Scrambled Eggs, Baked Beans und vielen Tassen Kaffee fühlte ich mich so gestärkt und fit für den Weg, wie noch an keinem anderen Tag. Der Besitzer der kleinen Frühstückspension erzählte mir bei der Verabschiedung, dass meine heutige Tour super easy und angenehm sein würde und dass nur der Teil bis zur Weggabelung von Crianlarich, wo ich gestern die Strecke verlassen hatte, anstrengend sein würde. Nun frage ich mich, ob der gute Mann den Weg überhaupt jemals selbst gegangen ist. Die Wege blieben steinig und matschig und andauernd ging es herauf und wieder herunter. Das einzige, was sich änderte, war die Landschaft. Wald, Wiese, Heide, Straße – doch nie war etwas nur für 50 Meter flach, geschweige den eben. Heute sollten es 27 Kilometer sein bis zu meiner nächsten Unterkunft, ein einsames Hotel in Inveroran ganz ohne WLAN oder Telefonnetz.

Ich startete zunächst mit einem Waldstück, was mich in Richtung Tyndrum führte, dem ersten Ziel meiner Etappe.

Hier durfte ich erstmal ein bisschen Geschichte nachholen. Ich verfolgte die Spuren von Robert the Bruce, König der Schotten während des ersten Kampfes um die schottische Unabhängigkeit. Da er letztendlich gegen England erfolgreich war, wird er bis heute als Nationalheld gefeiert. Zunächst konnte ich die Ruinen eines Klosters besichtigen, das von Robert the Bruce 1317 gestiftet wurde. Gleich daneben befand sich ein Friedhof, der sogar auf das 8. Jahrhundert zurück datiert sein soll. Hier sollte ich mich außerdem am regnerischsten Ort Britanniens befinden. 280 Tage im Jahr ist es nicht möglich, das Haus trocken zu verlassen. Unvorstellbar, denn für mich schien heute sogar die Sonne.

Dann lief ich an dem Feld vorbei, an dem Robert the Bruce im Battle of Dal Righ von den englischen Truppen im Jahre 1306 besiegt worden ist. Im Anschluss folgte ein See, in dem die Männer nach der verlorenen Schlacht ihre Schwerter versenkten. Legenden besagen, dass das Schwert Claymore von Robert noch immer dort liegt. Im Juli 2015 wurden alle umliegenden Lochs mit Metall-Detektoren abzusuchen – leider ohne Erfolg. Die Legende ist also immer noch ungeklärt. Ich habe das Schwert leider auch nicht gesehen.

Nach einer Weile erreichte ich das kleine Örtchen Tyndrum, von dem ich nichts sah, außer einen Mini-Supermarkt und einen Campingplatz. Ich vermute, bis auf ein Restaurant, war da auch nicht mehr vorhanden.

Nun wurde die Strecke ein wenig monoton. Es ging zwar wunderschön zwischen den Bergen entlang, allerdings immer nur geradeaus und das Ende nicht in Sicht. Dann wünschte ich mir doch lieber das kurvige Hoch und Runter und um die Ecke herbei, wo jeder Richtungswechsel eine neue Umgebung ausspuckt. Normalerweise hab ich ja auch nichts gegen geradeaus, aber ich hatte mich zu schnell satt gesehen und konnte mich dann mit den Gedanken meinen Beinen zu wenden und das war nicht gut. So dauerte es gefühlt eine Ewigkeit bis ich die Bridge of Orchy erreichte.

Danach änderten sich die landschaftlichen Gegebenheiten wieder schneller und so verflogen die letzten Kilometer. Zunächst ging es sehr steil hinauf, erst durch einen Wald, wo ich sogar ein Reh zu Gesicht bekam, dann durch Weideland. Als ich am höchsten Punkt angekommen war, hatte ich einen wundervollen Blick über Loch Tulla und die Berge im Hintergrund. Das Aufsteigen hatte sich mal wieder zu tausend Prozent gelohnt. Danach musste ich mich nur noch einen fünfzehn minütigen Abstieg konzentrieren, nicht zu stolpern und dann war ich in meiner Unterkunft angekommen.

Das Hotel Inveroran war die einzige Übernachtungsmöglichkeit im Radius von weiteren 30 Kilometern gewesen. So gönnte ich mir ein bisschen Hotel-Feeling als kleines Päuschen von Mehrbettzimmern und B&Bs. Nach einem leckeren Abendessen setzte ich mich noch auf ein Guiness in die Bar. Sofort kam ich mit einer Frau aus Boston ins Gespräch, die mit ihrem Mann, ihrer Schwester und noch drei weiteren Freundinnen unterwegs war. Nachdem sie herausgefunden hatte, dass ich heute 27 Kilometer gelaufen war, erzählte sie dies jedem, der die Bar betrat. „This young lady…solo….isn’t that impressive!“ Beim zehnten Mal konnte es doch nicht mehr so impressive sein, dachte ich. Meine Gesprächspartnerin schien diese Meinung aber ganz und gar nicht zu teilen.

Fazit des Tages: Es geht weiter, auch mit Aua, aber bitte nicht mehr so viel geradeaus.

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