Tag 6 – Inveroran bis Kinlochleven

No Service, daher auch no Wettervorhersage. Meine Amerikaner vom gestrigen Abend fragten mich, ob ich meine Regensachen anziehen würde. Nein, ich will das Wetter ja nicht herausfordern.

Als ich meine Tour begann, war es bewölkt. Auf den Bergspitzen hingen dicke Nebelschwaden. Heute sollte ich den höchsten Punkt des Fernwanderwegs erreichen – mit einer wahnsinnigen, weitreichenden Aussicht war also nicht zu rechnen.

Zunächst ging die Route durch Wälder und öffnete sich dann ins weite Moorland. Die Wege schlängelten sich zwischen Bergen und Mini-Lochs hindurch und ich bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging. Schwups, lagen zehn Kilometer hinter mir.

Heute war ich weiterhin im absoluten Nirgendwo unterwegs. Hier war weit und breit nichts – außer frische Luft und die Natur.

Unterwegs traf ich auf eine Gruppe, mit der ich mal eine Zeit gemeinsam wanderte. Mal wieder erzählte mir eine ältere Dame, dass sie diese Generation von jungen Frauen so toll fände. Wir würden auf niemanden warten, sondern angstfrei und stark einfach das tun, was wir machen möchte. An dieser Stelle möchte ich mal kurz etwas einwerfen. Ich will mich ja nicht beschweren, wenn mir jemand Komplimente macht, aber irgendwie finde ich es gleichzeitig auch schlimm, dass es immer noch besonders betont werden muss, dass man als Frau alleine unterwegs ist. Am meisten regt mich auf, dass man auf solchen Wanderungen ja nie alleine ist. Ich habe mich an keinem Punkt meiner Reise einsam und allein gefühlt. Ich habe mich meistens eher mal zurückziehen müssen, damit ich mal wirklich für mich war. Und erst als diese gehäuften Gratulationen kamen, wie gut das für mich wäre und wie stolz ich auf mich sein könnte, hatte ich plötzlich ein komisches Gefühl. Nur weil andere sagen, dass man Angst haben müsste? Oder wenn nicht, dann besonders mutig oder stark sei? Das war ich ja nicht, ich wollte nur den West Highland Way gehen, wie Tausende andere auch.

Bei der Halbzeit angekommen stand ein einsames Hotel, was allerdings wegen Bauarbeiten gerade geschlossen hatte. Für mich nicht dramatisch, für die Wildcamper einen kleine Katastrophe, falls sie dort nach einer Nacht im Nirgendwo auf das Füllen Ihrer Mägen gehofft hatten.

Ich machte auf einem Felsen ein bisschen Pause. Dann ging es weiter in die zweite Hälfte meines Tages.

Nun sollte ich mich langsam dem sogenannten „Devils Staircase“ nähern. Die Treppen des Teufels empfand ich nicht so furchtbar wie der Name vermuten lässt. Die Strecke verlief im Zick-Zack langsam steigend auf den Berg. In meinem Zeitgefühl hatte ich die Spitze aber relativ schnell erreicht. Hier oben auf 550 Meter, dem höchsten Punkt des West Highland Ways sah ich die in Nebel und Wolken eingehüllte Berglandschaft. Und dann fing es an zu nieseln.

Eine Schicht wärmer angezogen und weiter ging es. Der Abstieg war leider tausend Mal schlimmer als der Aufstieg. Ich habe nicht genau auf die Uhr geschaut, aber gefühlt war ich in einer halben Stunde oben, aber erst nach über zwei Stunden unten. Von 550 Metern ging es komplett auf 0. Zu Beginn war noch alles in Ordnung. Allerdings konnte ich mich dezent über eine asiatischen Reisegruppe aufregen, da diese sich mit ihren Stöcken auf dem Weg so breit machte, dass man sie nicht überholen konnten. Besonders erfreut war ich dann noch, dass alle 30 Mitglieder nacheinander einzeln vor einer Brücke ein Foto machen mussten. Nach einer Weile wünschte ich mir aber diese „Probleme“ zurück, da mein rechtes Knie plötzlich weh tat. Zu Anfang noch erträglich, dann baute sich der Schmerz immer weiter auf bis ich dachte jemand sticht in meine Patella-Sehne. Der Abstieg wurde unerträglich. Und immer wieder ging es nochmal um die Kurve. Als ich endlich im kleinen Örtchen Kinlochleven angekommen war, hätte ich am liebsten geheult. Die letzten 700 Meter bis zum Campingplatz fühlten sich so unfassbar weit an.

Als ich eingecheckt hatte und meine kleine Kabine bezogen hatte, wusste ich gar nicht mehr wohin mit mir. Ich hatte ein ungutes Gefühl, was ich sofort wieder vertreiben wollte. So ging ich in die Bar nebenan. Hier fand ich Gleichgesinnte. Knie, Achilles, Füße, – es schien als hätte jeder Wanderer von der heutigen Tour etwas Schmerzhaftes mitgenommen. Das half schon irgendwie. Und wenn man dann noch drei witzige Jungs findet mit denen man ein Bierchen trinken kann und sich über jeglichen Schwachsinn unterhalten kann, dann hilft das noch mehr. So saß ich dann doch viel länger als ich eigentlich wollte in dem kleinen Pub am Campingplatz und konnte den anstrengenden Tag mit einigen Lachern beenden.

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