Tag 7 – Finale von Kinlochleven bis Fort William

Mein Knie sollte sich über Nacht wieder beruhigen, so war mein Plan. Ich startete nach einer unruhigen Nacht, wahrscheinlich war ich so aufgeregt wegen der letzten Etappe, relativ früh in den Tag. So gönnte ich mir um kurz nach Sieben noch ein stärkendes Frühstück mit Scottish Salmon und Scrambled Eggs, dann war ich bereit für die letzte 25 Kilometer lange Etappe. Es war so unvorstellbar, dass es schon der letzte Tag sein sollte. Wo waren die 150 letzten Kilometer denn geblieben?

Mit dem ersten Teil des Weges verabschiedete ich mich sehr steil von dem kleinen Örtchen Kinlochleven. Vom Tal aus ging es immer weiter und höher in den Wald hinein bis ich oben mitten in den Bergen stand und einen Blick zurück auf das Dorf und den Loch werfen konnte. Mein Knie beschwerte sich glücklicherweise kaum.

Als ich ungefähr eine halbe Dreiviertelstunde unterwegs war, erkannte ich zwei Jungs vor mir. Sollten das meine Bierpartner von gestern Abend sein? Je näher ich ihnen kam, desto sicherer wurde ich mir – ja, das mussten meine Bierpartner von gestern sein. Als sie mich bei einer Kurve entdeckten, blieben sie stehen und warteten bis ich sie eingeholt hatte.

Und so wurde aus meiner ein-Mann-Tour plötzlich ein Team. Die ersten Tage größtenteils, auch wenn mit kleinen Unterbrechungen, alleine gelaufen zu sein, war super schön. Aber genauso cool war es jetzt auch einmal einen längeren Teil gemeinsam in einer Gruppe zu wandern. In der Gegenwart der zwei wunderbar verrückten Knalltüten fühlte ich mich sehr wohl und so bestritten wir die letzten Kilometer mit guten Gesprächen, aber auch viel tollem Schwachsinn.

Der Route führte uns einmal am Berg angekommen nur noch leicht auf und ab. Es waren leichtere Wege durch Wald- und Weideland, bei denen man immer wieder mal ein kleines Flüsschen überqueren musste.

Das Wetter war auch zu unseren Gunsten. Es regnete immer nur kurz und wir trockneten schnell, da die Sonne nie lange auf sich warten ließ.

Die letzten paar Kilometer führten uns in ein allerletztes Waldstück. Hier ging es dann nochmal etwas steiler hinab ins Tal. In der Ferne konnte ich Ben Nevis erkennen, den höchsten Berg Großbritanniens, den ich letztes Jahr erklommen hatte.

Schon um kurz vor drei Uhr hatten wir das Ende des West Highland Ways erreicht. Wir liefen an der vielbefahrenen Straße entlang bis wir in die kleine Altstadt Fort Williams einbogen. Viel zu viel Verkehr und viel zu viele Menschen auf einmal, dachten wir. Nach einer Woche in der Einöde war das hier schockierend voll. Am offiziellen Endpunkt hatte ich ingesamt mit meinen ganzen Umwegen, manche bewusst, manche aus Versehen, über 170 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Realisiert habe ich das in diesem Moment natürlich nicht. Ein „Siegerfoto“ mit meiner Zieleinlauf-Gruppe musste natürlich trotzdem sein.

Fazit der Reise: Der West Highland Way ging viel zu schnell vorbei. Eine Woche – das war zu kurz. Die Menschen, die mir begegnet sind, haben mir wieder alle etwas mitgegeben. Ich bin zur Ruhe gekommen, konnte alles, was mich stresst, vergessen und klare Gedanken fassen. Der Weg war anspruchsvoll, aber gut zu bewältigen, auch wenn er mich manchmal zur Weißglut getrieben hat. Mein Rucksack bleibt gepackt, ich bin hier auf viele neue Wanderideen gekommen, die definitiv noch in die Tat umgesetzt werden müssen.

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