Auf dem Schoß der Queen…quasi

Es gab ein kurze Verzögerung, aber nun folgt dann doch der letzte Teil meines Schottland-Heimatbesuchs. Ich saß im Zug nach Glasgow zurück in die Zivilisation nach einer Woche Wandern im Nichts. Meine Stimmung – keine Lust auf so viele Menschen. Mir ging das alles viel zu schnell. Ich war mit dem Kopf eigentlich noch ganz woanders. Mindestens drei Tage im Verzug. Aber so ist es nun mal, schwups sind 170 Kilometer vorbei. Eigentlich hätte ich froh sein sollen, da meine rechte Patellasehne pünktlich zum Abschluss meiner Tour nicht mehr mitmachen wollte. Eine Unverschämtheit, da der Weg zum Gleis so so so weh tat, dass mir die Tränen in die Augen stiegen. Einen Tag früher und ich hätte den letzten Wandertag nicht machen können. Ich hatte leider auch keine Schmerzmittel dabei. Man verletzt sich vielleicht auf so einer Wandertour, aber ich doch nicht.

Gut für mich und mein Knie, dass meine Eltern und meine Schwester inklusive Ibuprofen schon im Flieger saßen.
Hier im Zug war ich von Deutschen umzingelt. Im Nachhinein weiß ich nicht mehr ganz genau, ob es tatsächlich so war, aber empfunden hab ich es zumindest so. Wer auch immer mal für eine längere Zeit im Ausland war und auch sonst schon mal in den Kontakt mit dem furchtbaren deutschen Touristen gekommen ist, kann das folgende vielleicht nachempfinden. Ich kann ihn nicht aushalten. Überall benimmt er sich daneben, redet so viel wie möglich Deutsch, damit auch niemand auf die Idee kommen könnte, ihn auf einer anderen Sprache anzusprechen. Er hingegen spricht aber auch niemanden an, der kein Deutsch spricht. Wenn er muss, dann sprudeln mit grausamer Aussprache dumme Fragen aus ihm heraus. Am liebsten gefällt mir auch, wenn besserwisserisch behauptet wird, etwas über Land und Leute zu wissen, was absolut nichts mit der Realität zu tun hat. Ich glaube, es wird deutlich – ich habe eine gewisse Abneigung. Falls ich dann, wie im Zug auf tausende dieser Art treffe, hoffe ich inständig dass mich keiner entdeckt. Falls mich doch jemand meint ansprechen zu müssen, lege ich mir eine neue Identität zu oder stelle mich tot.
Diesmal hatte ich aber Glück, die meisten waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Endlich angekommen, humpelte ich so schnell es ging zum Hotel, wo mich meine Familie bereits erwartete. Die restlichen Stunden des Tages nutzten wir, um am River Clyde vorbei zu einem meiner Lieblingsplätze der Stadt zu laufen. Normalerweise habe ich keine Vorliebe für Friedhöfe, aber dieser hier liegt auf einem Hügel, von dem man weit über die Stadt schauen kann. Wir schlenderten noch zum People’s Museum, das übrigens wie alle Museen in Glasgow kostenlos zu besichtigen sind und dann war es auch schon Zeit für eine ordentliche Portion Fish’n’Chips mit Vinegar.

Wie jeder weiß, Essen macht müde und ich war eh noch an meinen Wandermodus ‘nach 20 Uhr fallen mir die Augen zu’ gewöhnt, weshalb wir uns bald zurück in unser Hotel verdrückten.

Nun war es Zeit für unseren Roadtrip über die Highlands in den Westen auf die Halbinsel Isle of Skye und dann wieder über Glencoe und Loch Lomond zurück nach Glasgow. Ganz entspannt hatten wir unseren Mietwagen abeholt, auch wenn Papa sich mal wieder Sorgen wegen des linkseitigen Fahren machte.

Unser erster Halt sollte Loch Morlich mitten im Cairngorn Nationalpark sein. Hier wollten wir Rudern. Das wollten wir auch immer noch, als der Surferboy uns beiläufig darauf hinwies, dass das heute wegen des starken Windes vielleicht etwas anstrengend sein könnte. Ich wollte immer noch, auch als wir uns mit dem Boot keinen Zentimeter vom Strand bewegt hatten. Anna wollte nicht mehr, als der Surferboy aus seiner Hütte herauslief, um uns weiter ins Wasser zu schubsen. Papa wollte nicht mehr, als wir circa nach einer 30 Sekunden wieder auf den Strand aufgelaufen waren. Ich wollte immer noch. Mama, die noch kein Mal am Ruder gesessen hatte, war der Meinung, dass man es mit anderer Taktik und Technik besser machen könnte. Wir kamen nicht weg. Papa schimpfte, Anna war es peinlich. Ich musste lachen. Letztendlich schafften wir es doch ungefähr drei Mal in einer Stunde hinter die brechenden Wellen zu kommen, um uns dann mit zehn Meter Abstand vom Strand darauf zu konzentrieren, nicht wieder sofort zurückzutreiben. Und trotz dieses grandiosen Rudererlebnisses haben wir zusammen bestimmt mehr gelacht als geschimpft.

Am nächsten Tag verzichteten wir mal ausnahmsweise auf die Sportklamottten. Es ging zu den Highland Games in Braemar – in Schottland die bekannteste Veranstaltung dieser Art, insbesondere, weil sie jedes Jahr von der königlichen Familie besucht wird. Grund genug, aufgeregt zu sein. Ich hatte keine Vorstellung, wie groß die Arena sein würde oder wie die Spiele ablaufen würden. Wir hatten schon Sorge, dass es auf der einzigen Straße, die in dem Nationalpark zum Örtchen Braemar führte, zu einem wahnsinnigem Stau kommen würde und wir Ewigkeiten brauchen würden, um einen Parkplatz zu finden. Außerdem hatten wir uns zu lange am Scottish Breakfast aufgehalten, dass wir so oder so spät dran waren. Aber alle Sorge war unbegründet. Da war eben wieder das typisch deutsche Stress und Hektik machen mit uns durchgegangen. Ganz entspannt, ohne Chaos und ohne Drängeln wurde uns der Parkplatz zugewiesen. Wir folgten einer Gruppe Schotten, die sich natürlich extra in traditionelle Kleidung geschmissen hatten, auf den Festplatz. Die Stimmung war bombe. Unsere Plätze waren direkt gegenüber des noch leeren königlichen Pavillons. Meine mit Ferngläsern ausgestattete Sitznachbarin verriet mir, sie habe sich die Plätze nur aus diesem Grund gesichert. In den ersten Minuten waren wir vollkommen überfordert. Mehrere Wettkämpfe liefen gleichzeitig ab, wir wussten überhaupt nicht wo wir zuerst hinschauen sollten. Auf der linken Seite fand ein Mehrkampf der starken Männer statt. Sie warfen schwere Hammer, Steine und natürlich Baumstämme. Beim letzteren geht es nicht um die Weite, es ist wichtig, dass der Stamm sich einmal überschlägt und dann möglichst auf 12 Uhr liegen bleibt. Direkt vor unserer Nase befanden sich die Tug-o-War Wettkämpfe, das Tauziehen. Schon nach der ersten Runde war der Rasen zerstört. Die Teams hämmerten ihre Schuhe so sehr in den Boden, dass die Erde spritzte. Dahinter fand der Dudelsack-Wettbewerb statt. Nebenan auf einer kleinen Bühne tanzten Mädchen, die Lassies, um die Gunst der Punktrichter. Mittendrin versammelten sich Kinder aller Altersklassen um in einen Sack zu steigen und so schnell wie möglich ins Ziel zu hüpfen. Als wir uns gerade einen groben Überblick geschaffen hatten, fand eine weitere Veranstaltung parallel statt: Der Hill-Run. „Hill“ ist dabei etwas untertrieben. In einem Affenzahn sprinteten die Teilnehmer circa 365 Meter steil nach oben, um dann nach 3 Meilen und rund 30 Minuten wieder herunter zu hüpfen und nochmal eine Runde in der Arena zu drehen. Es war unfassbar.

Als wir uns gerade etwas beruhigt hatten, kam eine Durchsage. Die Queen würde die Arena bald erreichen. Links und rechts schien sich plötzlich alles aufzurichten. Queen Elizabeth wurde begleitet von Prince Charles, der natürlich des Anlasses entsprechend im Schottenrock gekleidet war, und Princess Anne. Sie nahmen auf ihren Stühlen Platz und schon erhob sich das ganze Publikum von ihren Plätzen. Es wurde ganz still, niemand sagte etwas. Nicht mal ein Flüstern war zu hören. Dann ertönte die Hymne aus den Boxen und die ganze Arena sang „God save the Queen“. Ich kann den Moment gar nicht richtig beschreiben. Es war beeindruckend mit welchem Respekt und Ehrfurcht dieser alten Dame entgegen getreten wurde. Und obwohl ja bekanntlich nicht 100 Prozent der Briten Unterstützer der Monarchie sind, gab es keine Zwischenrufe oder Ähnliches. Auch wenn der Vergleich hinkt, ich habe mir vorgestellt, Angela Merkel käme angefahren und ein ganzer Saal voller Menschen würde ihr Lied singen. Das würde nicht mal nur mit anwesenden CDU-Mitgliedern ohne Zwischenkommentare funktionieren.
Es war atemberaubend, welche Ausstrahlung diese Frau hatte, obwohl sie uns doch so fern gegenüber saß. Und jetzt wo all ihre Enkelsöhne verheiratet sind, werde ich ihr in diesem Leben wahrscheinlich auch nicht näher kommen.

Mit den vielen Eindrücken, die wir an diesem Tag sammeln durften, verging der Tag wie im Flug. Ein Highlight direkt zu Beginn unseres Roadtrips. Und was hatten wir noch alles vor uns…

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